Vernetzte Logistik für einen starken Wirtschaftsstandort

Experten rechnen bis 2030 mit einem massiven Anstieg der Güterströme. Für das Transitland Sachsen-Anhalt ist das eine besondere Herausforderung: Im Spannungsfeld von Umweltverträglichkeit und zunehmender Ressourcenverknappung gilt es, ein großes wirtschaftliches Potential zu erschließen.

Mit Straßen von mehr als 11.000 Kilometern Länge, rund 3.100 Kilometern Gleisanlagen, dem zweitgrößten Frachtflughafen Deutschlands in Leipzig/Halle sowie nahezu 600 Kilometern schiffbaren Binnenwasserstraßen ist Sachsen-Anhalt schon bestens vernetzt. Bund und Land wollen bis 2030 zusätzliche weitere drei Milliarden Euro investieren, um den bedeutenden Logistikstandort in der Mitte Europas auf künftige Entwicklungen vorzubereiten. Neben der Förderung ökologischer Verkehrsträger spielen dabei die Entwicklung intelligenter Verkehrssysteme für eine neue Mobilität und flexible Logistikkonzepte eine wichtige Rolle. Das Ziel der Bemühungen ist es, das Zusammenspiel der Verkehrsträger zu optimieren und Schadstoffemissionen zu reduzieren.

Hafenhinterlandfunktion stärken

Verladeterminal in Magdeburg
Verkehrsübergreifende Logistikketten sichern die Hafenhinterlandfunktion

Innerhalb des europäischen Integrationsprozesses nimmt das Bundesland zwischen Zeitz und Arendsee eine Schlüsselposition ein. Drei der sechs durch Deutschland verlaufenden Korridore des transeuropäischen Verkehrsnetzes (TEN-V) gehen durch Sachsen-Anhalt. Namentlich sind das die Korridore Nord-Ostsee, Skandinavien-Mittelmeer und Orient-Östliches Mittelmeer. Die Korridore gehören zum multimodalen Kernnetz, mit dem der grenzüberschreitende Verkehr innerhalb der Europäischen Union (EU) verbessert werden soll.

Handlungsleitend ist dafür unter anderem die Europa-2020-Strategie. Damit will die Union Arbeitsplätze, Produktivität und den sozialen Zusammenhalt stärken. Auf Landesebene materialisiert sich Europa 2020 in der Regionalen Innovationsstrategie 2014-2020 (RIS). Sie priorisiert die Handlungsfelder Bildung und Forschung, aber auch die Entwicklung intelligenter und vernetzter Verkehrssysteme. Sachsen-Anhalt will so seine Position im internationalen Standortwettbewerb verbessern – auch unter Einbezug des EU-Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

Mit einem Umsatz von durchschnittlich drei Milliarden Euro jährlich hat sich die Logistikbranche des Landes in den vergangenen Jahren auf einem konstant hohen Niveau etabliert. Heute arbeiten rund 30.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in den etwa 3.000 Logistikunternehmen Sachsen-Anhalts. Gemeinsam bewegten sie 2014 knapp 370 Millionen Tonnen an Waren, Produkten und Rohstoffen. Zukünftig wird das Land zudem vom steigenden Umschlag der deutschen Seehäfen profitieren. Laut der Seeverkehrsprognose 2030 wächst der Gesamtumschlag der Nord- und Ostseehäfen zwischen den Jahren 2010 und 2030 von 269 Millionen auf 468 Millionen Tonnen. Das entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Wachstumsplus von 2,8 Prozent. Nach Angaben des Seehafenverbands stößt der Hafenhinterlandverkehr jedoch schon heute an seine Kapazitätsgrenzen. Deshalb sind Standorte wie Hamburg oder Bremerhaven auf verkehrsübergreifende Logistikketten angewiesen, um die wachsenden interkontinentalen Warenströme in das europäische Hinterland zu transportieren. Hier hat Sachsen-Anhalt in den letzten zwei Jahrzehnten eine leistungsfähige Basis zur Stärkung der Hafenhinterlandfunktion geschaffen. Die wichtigsten Häfen an Mittellandkanal und Elbe bieten für Schwerlast- und Massengütertransporte günstige trimodale Anbindungen. Das Bundesland verfügt über ausreichend erschlossene Flächen an den Verkehrswegen, um den Kapazitätsmangel in den deutschen Seehäfen abzufedern. Mit dem Abtransport von Waren und Containern der großen Nord- und Ostseehäfen sichert sich Sachsen-Anhalt seine Rolle als bedeutende Logistikdrehscheibe in Mitteleuropa.

Binnenschifffahrt 4.0

Warenlager eines Pharmaherstellers
Warenlager eines Pharmaherstellers

Die Bundeswasserstraße Elbe gehört als wichtige Hafenhinterland-Anbindung der deutschen Seehäfen seit 2012 zum TEN-Kernnetz (Korridor Orient-Östliches Mittelmeer). Eine Studie der Europäischen Kommission vom Dezember 2014 beschreibt die Entwicklung des Elbkorridors als „highly important“ (äußerst wichtig). In Sachsen-Anhalt konnte der Gesamtgüterumschlag auf der Elbe – trotz schwieriger Rahmenbedingungen – von rund 3,6 Millionen Tonnen in 2013 auf etwa 3,8 Millionen Tonnen in 2014 gesteigert werden. Im Januar 2017 haben Bund und Länder das Gesamtkonzept Elbe verabschiedet. Es zielt auf eine stärkere Nutzung der Elbe als Verkehrsweg unter Berücksichtigung ökologischer Belange. Bereits heute sind Binnenschiffe im Vergleich zu anderen Verkehrsträgern ökologische Vorreiter. Sie gleiten fast geräuschlos auf dem Wasser und haben einen relativ geringen Kohlendioxid-Ausstoß.

Im Zuge des Gesamtkonzepts Elbe haben die Länder Hamburg, Sachsen-Anhalt und Brandenburg im September 2016 die Studie Elbe 4.0 in Auftrag gegeben. In der Studie untersuchen die Bundesländer, wie die Binnenschifffahrt durch die Digitalisierung des Elbkorridors gestärkt werden kann. Insbesondere in den Bereichen Informationstechnik und Organisation sehen die Beteiligten Ansatzpunkte zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit. Entscheidend ist dabei die wirtschaftliche Entwicklung der Logistikknoten und deren Wirkungsregionen. Sei es als effiziente trimodale Schnittstellen für Logistik, Handel und Industrie, oder in der verkehrlichen Funktion als „Hinterland-Hubs“.

Nordverlängerung A 14

In wenigen Jahren wird überdies eine neue Güterverkehrsachse im Elbkorridor auf einer bestehenden Schienenstrecke durch den Osten Deutschlands fertiggestellt. Für den Hinterlandverkehr bedeutet das eine Steigerung der Kapazität auf mehr als 200 Züge täglich statt der bisherigen 70. Das ist eine signifikante Aufwertung des Verkehrskorridors entlang der Elbe als Teil des transeuropäischen Verkehrsnetzes. Ebenfalls Teil der Achse ist die Bundesautobahn (A) 14, deren verbliebene Lücken zwischen Magdeburg und der Ostsee in absehbarer Zeit geschlossen werden. Die Autobahnen A 9 (Berlin-München) und A 2 (Berlin-Magdeburg-Hannover) verbinden wichtige Ost-West- und Nord-Süd-Ziele, etwa das Ruhrgebiet oder Ost- und Südeuropa. Hinzu kommt die verlängerte Trasse der A 14 in Richtung Dresden, die eine schnelle Erreichbarkeit der Tschechischen Republik und Südpolens garantiert.  Sämtliche Autobahntrassen Sachsen-Anhalts sind entweder neu gebaut oder wurden nach 1990 grundlegend saniert, sodass die Brückenbauwerke – anders als in vielen Regionen Deutschlands – auch für Schwerlasttransporte geeignet sind.

In Zuge des Bundesverkehrswegeplans 2030 wird darüber hinaus in den kommenden Jahren der sogenannte Hosenträger umgesetzt. Er wird die Altmark im Norden des Landes verkehrstechnisch weiter erschließen. Bereits 2002 hatten sich die damaligen Verkehrsminister der Länder Brandenburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt mit dem Bundesverkehrsminister auf das Verkehrsprojekt verständigt. Er besteht aus:

  • dem Lückenschluss der A 39 von Wolfsburg nach Lüneburg und
  • der Schaffung einer leistungsfähigen Verbindung zwischen der A 39 und der A 14 im Zuge der Querspange B 190n.

Mit der Fertigstellung erfolgt die Anbindung der Altmark an das deutsche Autobahnnetz. Die Region wird dann erheblich besser mit den nord- und ostdeutschen Häfen sowie dem transeuropäischen Netz verknüpft sein. Dabei werden die zu erwartenden Verkehrsverlagerungen zur schnelleren Erreichbarkeit der wirtschaftlichen Hotspots führen. Die damit einhergehenden gesunkenen Transportkosten sind ein bedeutender Standortvorteil angesichts beschleunigter Dispositionszyklen in der Industrie.

Verkehrswege intelligent vernetzen

Laderampe eines Transportflugzeugs
Lufttransport als wichtiger Baustein eines intelligenten Verkehrsträgermixes

Das Land Sachsen-Anhalt steht für eine umweltgerechte und integrierte Infrastrukturpolitik. Die Aspekte Wirtschaftlichkeit, Lärmreduktion und Dekarbonisierung sind hier die Zielgrößen. Alternative Systemlösungen für den Schienen- und Binnenschiffsverkehr zur Minimierung von Schadstoff- und Lärmemissionen sind dringend geboten. So sind der Ausbau von Wartungs- und Servicekompetenz für Hybridlokomotiven und neue Niedrigwasserschiffe auf Hybridbasis ebenso wie die Elektromobilität zukunftsweisende Leitprojekte.

Es gilt, die Innovationskraft von Unternehmen im Land Sachsen-Anhalt zu stärken. Daher hat die derzeitige Förderpolitik insbesondere eine intelligente Vernetzung, Stärkung und Entwicklung multimodaler Umschlagseinrichtungen zum Gegenstand. Das Land fördert zudem neuartige Umschlagssysteme, die die Effizienz logistischer Strukturen oder Schnittstellen optimieren. Damit sollen sowohl bestehende als auch prognostizierte Potentiale des Kombinierten Verkehrs besser ausgeschöpft und unter dem Aspekt einer nachhaltigen Entwicklung des Güter- und Containerverkehrs auf ökologische Verkehrsträger verlagert werden.

Insgesamt ist der Logistikstandort Sachsen-Anhalt sehr gut aufgestellt und für kommende Herausforderungen gerüstet. Eine geringe Staudichte und stabile Brücken bieten den Unternehmen im Land optimale Voraussetzungen für ein effizientes Logistikmanagement. Zukünftig kommt es darauf an, den Modal-Split weiter in Richtung Schiene und Wasserstraße zu entwickeln, da dort erhebliches Steigerungspotential steckt. Derzeit liegt der Schwerpunkt des Transportes auf der Straße. Jedoch im Bewusstsein, dass absehbar jede freie Kapazität zählt, müssen alle Verkehrsträger eingebunden werden. Den Transport auf der Straße, zu Wasser, auf der Schiene und in der Luft ihren Stärken entsprechend zu verknüpfen, ist deshalb das erklärte Ziel der sachsen-anhaltischen Landesregierung.

Digitales Testfeld Elbe

Symbolbild Digitalisierung Elbschifffahrt
Mehr Wettbewerb durch die Digitalisierung der Binnenschifffahrt

Die Bundesländer Brandenburg, Hamburg und Sachsen-Anhalt wollen die Digitalisierung der Elbschifffahrt vorantreiben. Vertreter der Länder haben am 17. Mai 2017 eine gemeinsame Studie in Magdeburg vorgestellt. Sie soll als strategischer Leitfaden für zukunftsweisende Projekte dienen, die Umwelt und Infrastruktur entlasten, und gleichzeitig den wachsenden Anforderungen der Transport- und Logistikwirtschaft gerecht werden.

Tatsächlich setzen Binnenschiffer noch immer überwiegend auf Papier, Mobiltelefon und Funkgerät, statt vernetzte Computer. Damit sind sie im Hinterlandverkehr des Hamburger Hafens kaum eine echte Konkurrenz für Lkw-Transporte. Die Studie verdeutlicht zahlreiche Wettbewerbsnachteile der Elbschifffahrt gegenüber dem Landtransport. Gleichzeitig zeigt sie Möglichkeiten, wie mehr Ladung auf den Fluss verlagert werden könnte. Das Ziel sei es, sagte der der sachsen-anhaltische Verkehrsstaatssekretär Dr. Sebastian Putz bei der Vorstellung der Studie, „den Verkehrsträger Binnenschifffahrt auf Augenhöhe zu bringen“. 

Warum gerade der Elbkorridor? Zum einen ist der Fluss eine wichtige Transportader von Osteuropa in Richtung Hamburger Hafen. Zum anderen ist die Dichte des Schiffsverkehrs so überschaubar, dass der Elbkorridor als Testfeld taugt.

Konkret schlagen die Gutachter in ihrer Studie vor:

  • das vorhandene Fluss-Informations-System (RIS) zu einer umfassenden und allgemein zugänglichen Plattform weiterzuentwickeln
  • eine Datenanbindung der Binnenschiffe an das Hamburg Vessel Coordination Center (HVCC)
  • digitale Schleusenrangsteuerung auf dem Elbe-Seitenkanal
  • vollautomatische Erfassung für die Kanalabgaben
  • autonomes Fahren auf einzelnen Flussabschnitten

Technische Voraussetzung ist aber, dass die Netzabdeckung des Mobilfunks und anderen kabellosen Internetverbindungen wesentlich verbessert wird.

Rechtlich schlagen die Gutachter vor, in der Binnenschifffahrtsstraßenordnung den Einsatz des automatischen Identifikationssystems (AIS) und der elektronischen Wasserstraßenkarten (ECDIS) vorzuschreiben.

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